Katastrophenschutz-Mehrzweckfahrzeuge in Rheinland-Pfalz

Im März 1963 begann das Rheinland-Pfälzische Innenministerium in Mainz mit der Beschaffung von VW Bussen, sogenannten „Katastrophenschutz-Mehrzweckfahrzeugen“. Die Fahrzeuge gehörten zum Beschaffungsprogramm für den Katastrophenschutz des Landes.
Die Fahrzeuge waren konzipiert zur Unterstützung der Arbeit der Selbstschutzeinheiten der Landratsämter, und sollten auch von diesen besetzt werden.
Um das Fahrzeug möglichst vielseitig einsetzen zu können, entwarf man einen (für die damalige Zeit) umfangreichen Innenausbau. Plan war, mit diesem den Erfordernissen bei Katastrophen im Frieden, wie Überschwemmungen und Großbränden, aber auch der Hilfeleistung im Verteidigungsfall gerecht zu werden. Dafür hatte das Rheinland-Pfälzische Innenministerium die bei den Katastrophen in den Jahren zuvor gemachten Erfahrungen – unter anderem der Hamburger Sturmflutkatastrophe – genutzt. Um das Fahrzeug als „Sonderfahrzeug für den Katastropheneinsatz“ (so die offizielle Bezeichnung im Kfz-Brief) nutzbar zu machen, verfügte es über einen Dachgepäckträger, Halterungen für zwei Krankentragen im Innenraum und umfangreiche Bergungs- und Erste-Hilfe-Ausstattung. Außerdem Blaulicht, Starktonhörner, gelbe Nebelscheinwerfer und Standheizung.

Nach dem Plan des Innenministeriums sollte zu jedem Fahrzeug eine sechs Mann starke Einsatzstaffel aus freiwilligen Helfern aufgestellt und ausgebildet werden. Diese Aufgabe viel den Landratsämtern und den Städten zu. Da die meisten Landratsämter allerdings nicht über eigene Selbstschutzeinheiten verfügten, und somit selbst keine Bedienmannschafft stellen konnten, wurden die meisten Fahrzeuge bereits nach wenigen Jahren und noch weniger Kilometern Laufleistung an ortsansässige Feuerwehren oder THW-Ortsverbände abgegeben. Bei diesen war die Freude selbstverständlich groß. Die meisten THW Ortsverbände und kleineren Feuerwehren verfügten damals nämlich nur über unzureichende Fahrzeugausstattung. Zudem wurde vielerorts auch sämtliches Gerät und die persönliche Ausstattung mit übergeben.

 

Der VW T1 "BIN-226"

Das mittlerweile in Besitz der THW Helfervereinigung Bingen befindliche Fahrzeug wurde am 20. Mai 1963 mit dem Kennzeichen „BIN-226“ auf das Landratsamt des damaligen Kreises Bingen zugelassen. Und daran hat sich auch in den nachfolgenden 50 Jahren nichts geändert. Das Fahrzeug besitzt eben dieses Kennzeichen heute noch. Somit hat es die Abschaffung des Binger Autokennzeichens überlebt. Und auch wenn das BIN-Kennzeichen nun wieder verfügbar ist, so hat unser T1 auch die zweite Kennzeichenänderung überlebt: Die Abschaffung der kommunalen Kennzeichen.

Geschichte des Binger Fahrzeuges

Am 20.05.1963 zugelassen, wurde das Fahrzeug in einer städtischen Garage am Gymnasium in der Binger Innenstadt abgestellt. Betrieben wurde es von Bediensteten des Landratsamtes, wobei die vorgesehenen Bewegungsfahrten in der Regel innerhalb der Garage absolviert wurden. Nur das kann die auch heute noch geringe Laufleistung von inzwischen knapp 50.000 km erklären. Nach Erzählungen unseres späteren Schirrmeisters stand das Fahrzeug die überwiegende Zeit aufgebockt. 1967 konnte man sich dann seitens des Landratsamtes dazu durchringen das Fahrzeug dem Binger THW Ortsverband zur Verfügung zu stellen. Allerdings nicht ohne schriftlich festzulegen, dass das Fahrzeug im Bedarfsfalle umgehend an den Landkreis zurückzuführen sei. Wenn das Fahrzeug bei der Übergabe 500 km auf dem Tacho stehen hatte, dürfte dies schon mehr als großzügig geschätzt sein.

Neben dem Fahrzeug stellte man dem THW auch die Ausrüstung samt und sonders zur Verfügung. Dabei wurde über die mitgelieferte Ausstattung umfangreich Buch geführt. Das Fahrzeug selbst musste in damaligen Jahren einmal jährlich auf dem Hof des Landratsamtes vorgeführt werden. Beamte des Landratsamtes und der Bezirksregierung prüften dabei die Einsatzfähigkeit des Fahrzeuges und die Vollzähligkeit sowie den Zustand der Ausrüstung.

 

Bei der Übergabe des Fahrzeuges 1967 war man beim Binger THW dankbarer Abnehmer, verfügte man damals als einziges eigenes Transportmittel über einen MLW Hanomag AL-28.
Die Unterbringung gestaltete sich allerdings schwierig, da man in damaliger Zeit noch nicht über eine eigene Unterkunft, sondern lediglich über angemietete Räumlichkeiten und Garagen verfügte.

Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre tauschte man die Tragenhalterungen gegen eine weitere Sitzbank. Diese hatte ihren Weg auf verschlungenen Pfaden aus der KatS-Landesschule in Burg (Mosel) nach Bingen gefunden.

Mit dem Zulauf weiterer und später vor allem neuerer Fahrzeuge wurde der T1 immer weniger genutzt. In den 1990er Jahren diente er als Beförderungsmittel für die Jugendgruppe, bis er 1997 in den Ruhestand geschickt wurde. (Der Transport von Jugendlichen in einem über
30 Jahre alten, langsamen Fahrzeug, ohne Sicherheitsgurte erschien wohl als zu gefährlich.)

Danach stand er rund neun Jahre in einer feuchten Scheune, bis er 2007 von einigen Helfern restauriert wurde. Seitdem genießt die „graue heilige Kuh“, wie der Bus von den Helfern genannt wird, ihren wohlverdienten Ruhestand.